Das Projekt

DIE GESCHICHTE DES PROJEKTS
"INDAWO YENTSIKELELO"


Nach meinem Studium der Sozialwissenschaften an der University of South Africa gründete ich 2003 den Förderverein Positiv Leben e.V. in Mannheim, um über diesen die nötigen Gelder für das von mir geplante Waisenhausprojekt "Indawo Yentsikelelo - A Place of Blessing" in Südafrika zu sammeln. Die Gründung dieses Waisenhauses stellte sich jedoch als sehr schwierig dar. Zuerst konnte ich nach meiner Rückkehr nach Südafrika nicht richtig Fuss fassen, da das Sozialministerium in Kapstadt mir damals sehr deutlich zu verstehen gab, dass Waisenhäuser in Südafrika nicht erwünscht wären, da es "keine Waisenkinder oder Aids Problematik in Südafrika gäbe". Mir wurde sogar wortwörtlich gesagt "Herr Krämer, nehmen Sie Ihr Geld, gehen Sie zurück nach Deutschland und helfen Sie deutschen Kindern!". (Diese Stimmung herrschte damals unter der Politik von Thabo Mbeki, dem Nachfolger von Nelson Mandela im Amt des Staatspräsidenten. Diese Politik hat sich unter dem derzeitigen Staatspräsidenten Jacob Zuma sehr verändert, und das Gesundheitsministerium erkennt inzwischen die akute Aids- und Waisenkinder-Problematik an.)

Nach dieser ersten Enttäuschung begab ich mich dann im April 2004 selber auf die Suche nach existierenden Projekten in den Townships, mit welchen ich eventuell eine Zusammenarbeit beginnen könnte. Hierbei stieß ich letztendlich auf ein Projekt mit dem Namen Masizame Educare in Nyanga, einem Township in Flughafennähe. Dieses Projekt wurde von einer alten, afrikanischen Mama, "Mama Hollow", geleitet. Sie hatte ein 3500 Quadratmeter großes Grundstück von der Stadtverwaltung als Sozialgrundstück zur Verfügung gestellt bekommen, und eine südafrikanische Spendenorganisation hatte ihr dort ein Haus für einen Kindergarten neu errichtet. Der Kindergarten bestand damals aus 12 Kindern, und in einer Blechhütte leitete sie einen Kinderhort mit 25 Kindern mehr schlecht als recht. Im ganzen Projekt gab es weder Strom noch eine Telefonverbindung oder Internet, und das Budget war minimal. Gehälter gab es nicht, und es wurde auf rein freiwilliger Basis dort gearbeitet.

Ich bot also damals Mama Hollow eine Zusammenarbeit an. Außer natürlich den entsprechenden Geldern hatte ich zusätzlich Kenntnisse wie man mit Behörden umgeht, eine Finanzbuchhaltung macht, und ein soziales Projekt leitet, und konnte als ausgebildeter Sozialarbeiter eine Legitimierung des Projekts beim Sozialministerium anstreben. Mama Hollow hatte im Gegenzug ein Grundstück, ein existierendes - wenn auch sehr kleines und rudimentäres - Projekt, die Verbindung zur Gemeinde, das kulturelle und sprachliche Wissen, und die Anbindung an die Gesellschaft ihres Townships. Ich schlug also Mama Hollow damals vor, dass wir gemeinsam ihr bereits existierendes Projekt aufbauen, vergrößern und professionalisieren könnten, und ich dafür im Gegenzug später auf dem noch freien Teil des Grundstücks mein geplantes Waisenhaus bauen und gründen dürfte. Sie stimmte dieser Zusammenarbeit zu, und wir gaben dem Projekt den neuen Namen "Indawo Yentsikelelo - A Place of Blessing".

Doch leider kam es nie zu dieser geplanten Waisenhausgründung. Zwar hatten wir es nach vier Jahren harter Arbeit bis 2008, geschafft, das existierende Projekt auf 40 Kinder im Kindergarten und 40 Kinder im Kinderhort zu vergrößern, hatten Strom, Telefon und Internet Anschluss erhalten, anstelle des Blechschuppens ein neues Gebäude für den Kinderhort gebaut und einen Sicherheitszaun um einen Teil des Grundstücks errichtet, hatten aber gleichzeitig auch mit vielen unüberwindbaren Schwierigkeiten zu kämpfen, die ein erfolgreiches Projekt letztendlich nicht zulassen wollten.

Erstens ist Nyanga das kriminellste Township in ganz Südafrika (mit der höchsten Mordrate pro Einwohnerzahl), und wir hatten somit mit unendlich viel Gewalt zu kämpfen. Einem 5-jährigen Jungen aus unserem Kindergarten wurde mit Ziegelsteinen der Kopf eingeschlagen, da er Zeuge geworden war, wie sie seiner Mutter das Handy geklaut hatten. Ein Junge aus unserem Hort wurde direkt vor unserem Projekt, morgens um 11 vor den Augen unserer Kinder und den Augen seiner jüngeren Schwester von anderen, jugendlichen Gangstern erschossen. Dies um nur zwei der vielen, traurigen Geschichten zu erwähnen.

Zweitens gab es in der Gemeinde massive Klan-Kämpfe und Familienstreits, die dem Projekt nie erlaubt haben, ein wirkliches "Gemeindeprojekt" zu werden. Mama Hollow bevorzugte immer Mitglieder des eigenen Klans als unsere Mitarbeiter, was natürlich zu Neid und Missgunst, und letztendlich auch zu offener Gewalt gegen das Projekt führte,

inklusive Morddrohungen gegen meine Person. Das neue Haus für den Kinderhort wurde uns komplett zerstört, als es bereits halb fertig war. Der Sicherheitszaun wurde uns während des Baus ständig aus dem noch weichen Betonfundament gerissen und entwendet, sodass wir ihn letztendlich nach Morddrohungen und offener Gewalt nur unter massivem Polizeischutz fertig bauen konnten.

Und zu guter Letzt war ein Teil des Grundstücks, auf dem sich ein altes Garagengebäude befand noch von Hausbesetzern besetzt, und meine jahrelangen Versuche durch endlose Treffen mit Stadträten, der Polizei, Politikern und Strassen- und Gemeindekomitees die Hausbesetzer zu "räumen", führten leider zu keinem Erfolg. Sogar die Stadt, die uns das Grundstück ja offiziell zur Verfügung gestellt hatte, war nicht bereit, sich wirklich für diese Räumung einzusetzen. Endlose Treffen und Gespräche führten letztendlich zu nichts!!

Nach 5 Jahren hartem Kampf war ich letztendlich nicht mehr bereit, weiterhin Spendengelder und vor allem auch meine ganze Kraft, Zeit und Energie in diesen ewigen, und letztendlich erfolglosen, Kampf zu stecken. Im Mai 2008 beschlossen wir daher in einer Vorstandssitzung des Vereins Positiv Leben e.V. lieber das Projekt "umzuziehen" und auf einem geeigneteren Grundstück noch einmal neu aufzubauen. Im Juli 2008 stieß ich bei meiner Suche nach einem geeigneten Grundstück auf eine wunderschöne, 5 Hektar große Farm im Philippi Farmland, in der Nähe der Blechhütten Siedlung Samorra Machel. Im September gründete ich dann noch einmal ein neues, rechtlich komplett getrenntes Projekt in Südafrika, Vulamasango (Open Gates), mit einem neuen Vorstand und einer neuen Satzung, um dann auf der Farm noch einmal mit neuer Energie und neuen Vorraussetzungen die Gründung des ursprünglich geplanten Waisenhaus Projekts anzugehen. Im Dezember konnten über Positiv Leben e.V. die Gelder für den Farmkauf gesammelt werden. Im Juli 2009 wurde das Grundstück auf Vulamasango übertragen. Von August bis September 2009 haben wir das bestehende Gebäude renoviert und im Oktober wurde das Kinderprojekt Vulamasango zuerst mit 40 Kindern im Kinderhort und später mit 36 Kindern im Kindergarten neu ins Leben gerufen.

Vier unserer Mitarbeiterinnen bei Indawo Yentsikelelo, die beiden beiden Kindergärtnerinnen Nomakhwezi Manzana und Ntombizodwa Madaza, und die beiden Schwestern Xolisa und Bongiwe Majambe, welche in Nyanga unseren Kinderhort und das Therapieprojekt geleitet und 2006 die Bühnenshow "Zabalaza - African Performance Art" gegründet hatten, sind damals zusammen mit mir auf die Farm "umgezogen", um das neue Projekt Vulamasango zusammen aufzubauen. Die anderen Mitarbeiter, zum großen Teil Mama Hollow's Familie, sind zurück geblieben, um das alte Projekt weiterzuführen. Auch die 15 ältesten Kinder aus dem Kinderhort, die wir schon seit Jahren über unser Schulprogramm finanziert und unterstützt hatten, und von denen einige schon 2007 mit Zabalaza in Europa auf Konzerttournee gewesen waren, haben wir damals auf die Farm mitgenommen. Diese Jugendlichen sind zum größten Teil nach wie vor bei uns. Vier haben inzwischen das Abitur bestanden, eine arbeitet bei uns im Projekt und studiert Sozialarbeit, und einige sind weiterhin auf der Schule, durch das Vulamasango Schulprogramm unterstützt.

Indawo Yentsikelelo gibt es weiterhin, nach wie vor unter der Leitung von Mama Hollow, allerdings mit den selben Schwierigkeiten. Für mich war das Projekt eine immens wichtige Lehrzeit. Ich habe die Township Gemeinde kennen gelernt und mich in die Sprache "Xhosa" und die kulturellen Bräuche eingelebt. Ich habe die Strukturen in den Townships verstehen und respektieren gelernt, und gelernt mit Schwierigkeiten in diesem Arbeitsfeld umzugehen. Aber nach dieser "Lehrzeit" war es auch wichtig, den Schlussstrich zu ziehen und einen Neuanfang zu machen. Und dieser Neuanfang ist durch den Kauf des Grundstücks und der Gründung des Projekts Vulamasango unter neuen Bedingungen und in einer friedlichen Atmosphäre auf der Farm letztendlich möglich geworden!

Florian Krämer
Februar 2013